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Aus der Wanderwelt

Kommt jetzt das E-Wandern?

Die zwei höchsten Schweizer Wanderer testen das Exoskelett.
10.04.2026 • Text: Reto Wissmann, Bilder: Julia Wunsch

Wandern mit elektrischem Antrieb: Das ist keine Science-Fiction-Vision, sondern heute schon Realität. Auf dem Markt sind bereits mehrere sogenannte Exoskelette, die einem bis zu 40 Prozent des Kraftaufwands beim Wandern abnehmen sollen. Wie fühlt sich das an? Ist das nur eine Spielerei, oder funktioniert es wirklich? Und wie wird diese technische Innovation den Wandersport verändern? Simon Stadler, Präsident der Schweizer Wanderwege, und Geschäftsleiter Michael Roschi wollen es genau wissen und bestellen bei der chinesischen Marke Hypershell ein Testgerät.

Teils Mensch, teils Maschine

Das Hightechprodukt wird in einem unhandlichen silbrigen Styroporkoffer geliefert. Auf den ersten Blick ähnelt es einem Klettergurt: ein Hüftgurt, in den hinten der Akku integriert ist, zwei Beinschlaufen, die oberhalb der Knie mit Schnallen angelegt werden, und dazwischen zwei Karbonbügel, die mit Elektromotoren bewegt werden können.

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Einfache Befestigung mit Schnallen. © Julia Wunsch

Als Testgelände haben die beiden höchsten Schweizer Wanderer den steilen Weg von Bellinzona hinauf zum mittelalterlichen Ruinendorf Prada gewählt. Schnell kommen sie mit den Gurten und Bügeln klar, und schon nach wenigen Minuten hat sich Simon in einen Cyborg verwandelt. Teils Mensch, teils Maschine: Das kommt dem naturverbundenen Urner Nationalrat doch etwas komisch vor. Die Neugier ist aber gross, und die Ungeduld, endlich loszulegen, wächst.

Das Skelett hat Power

Zuerst muss Simon aber noch die Steuerung in den Griff bekommen. Der Hypershell wird über eine App oder einen Knopf am Elektromotor bedient. Ganz einfach ist das nicht. Es gibt verschiedene Modi, grüne, blaue, orange und rote LED-Lämpchen sowie verschiedene Möglichkeiten, wie der Knopf gedrückt werden muss. Mit vereinten Kräften setzen die beiden Männer schliesslich das Gerät in Betrieb. Bei den ersten Schritten lacht Simon laut auf – und ist auch schon um die nächste Biegung verschwunden.

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Zweimal Drücken, schon läuft der e-Motor. © Julia Wunsch

Der Rest der Testequipe kommt nur schnaufend hinterher. «Das zieht richtig stark rauf», sagt Simon, als er endlich eine Pause einlegt. Das Prinzip ist ähnlich wie bei einem E-Bike: Sobald der Körper den Impuls zum nächsten Schritt gibt, hebt das Exoskelett den Oberschenkel hoch und nimmt den Muskeln so einen Teil der Anstrengung ab. Die Steuerung kann auf verschiedene Bewegungsarten wie Wandern, Velofahren oder sogar Dünenspaziergänge eingestellt werden. Zudem gibt es mehrere Intensitätsstufen und sogar einen Modus, der die Schritte bremst, das Gehen also anstrengender macht. Dieser soll dem Fitnesstraining dienen.

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«Das zieht richtig stark rauf», sagt Simon. © Julia Wunsch

Tieferer Puls

Michael will auch mal. Wie zwei Buben mit einem neuen Spielzeug probieren sie alle Möglichkeiten und Varianten des rund 1400 Franken teuren Geräts aus. Der Geschäftsführer der Schweizer Wanderwege ist in der Regel auch ohne Elektroantrieb ziemlich zügig unterwegs in den Bergen. Der Hypershell fasziniert ihn trotzdem: «Das Exoskelett fühlt sich gut an, und es ist erstaunlich, wie viel Energie ich dadurch spare.» Der Pulsmesser liefert Zahlen: Bei gleicher Steigung und gleichem Tempo liegt sein Puls ohne Unterstützung bei 145, mit Unterstützung sinkt er auf 120. Michaels Atem geht deutlich ruhiger, und er schwitzt kaum noch. Bis zu 30 Prozent physische Entlastung verspricht der Hersteller für unser Testmodell. Das scheint nicht weit von der Realität entfernt zu sein.

Hat das Zukunft?

Die 800 Watt Leistung machen das Wandern deutlich beschwingter. Die 300 Höhenmeter bis zu den teilweise sanierten Ruinen hoch über Bellinzona meistern Simon und Michael jedenfalls spielend. Und der Akku ist immer noch zu drei Vierteln geladen. Über 17 Kilometer soll er halten, ein Ersatzakku befindet sich ebenfalls im silbrigen Koffer.

Der Hypershell macht Spass, sind sich die beiden Wanderer einig. Über das Potenzial des Geräts gehen ihre Meinungen jedoch auseinander. «Ich glaube nicht, dass es sich durchsetzen wird», sagt Simon. «Es ist eine nette Spielerei, wird aber eher ein Nischenprodukt für Technikfreaks bleiben.» Er liebt die Natur zu sehr, als dass er sich auf seinen Wanderungen mit elektronischen Gadgets auseinandersetzen will. «Doch vielleicht ist der Hypershell eine Chance für entspannte Familienwanderungen», witzelt Simon. «Wenn die Kinder nicht mehr weiterwollen, kann man einfach den Motor einschalten.»

Michael sieht hingegen ernsthafte Chancen beim E-Wandern: «Menschen, denen Wandern bisher zu anstrengend war, können dank des Exoskeletts Freude daran bekommen», sagt er. «Ältere Menschen werden zudem längere Touren unternehmen können, und die schwindende Kraft im Alter wird sie erst später dazu zwingen, ihre Wanderschuhe an den Nagel zu hängen.» Die technische Innovation wäre damit pure Bewegungsförderung, und sie könnte zudem in Wandergruppen einen Ausgleich schaffen: Wer fitter ist, läuft ohne Motor, wer etwas weniger fit ist, lässt sich unterstützen – und alle sind zufrieden.

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Testen im Tessin: Nicht immer sind sich Simon Stadler und Michael Roschi einig über das Exoskelett. © Julia Wunsch

Vorsicht ist angesagt

Der Test der Schweizer Wanderwege bringt aber auch Vorbehalte und offene Fragen auf den Tisch: Wandern mit dem Hypershell ist unbestritten weniger anstrengend, allerdings darf sich niemand überschätzen. Bezüglich Trittsicherheit, Gleichgewicht und Schwindelfreiheit ist man immer noch auf sich selbst gestellt. Wer mit Exoskelett schneller und weiter wandert, muss – vor allem bei nassem oder unwegsamem Untergrund – umso vorsichtiger sein, um Stürze und Überforderung zu vermeiden.

Eine Entlastung der Kniegelenke beim Bergablaufen konnten Michael und Simon trotz Bremsmodus nicht feststellen. Wie sich das Gerät auf mehrstündigen Wanderungen anfühlt und ob die Gurte dann nicht unangenehm scheuern, konnten die beiden im Tessin nicht klären. Klar ist hingegen, dass das Exoskelett ziemlich viel Platz im Rucksack einnimmt. Niemand will schliesslich schon bei der Anreise ein Cyborg sein, und der silbrige Koffer ist am Berg auch keine Lösung.

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