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Wanderregionen

Stille Jägerin am Irchel

Eulen leben unbemerkt in unserer Nähe und sind aktiv, wenn wir schlafen. Auf der Frühlingswanderung über den Irchel ZH zeigen sie sich nicht. Erst zum Schluss – in der Greifvogelstation in Berg am Irchel trifft man sie an; und erfährt, wie verletzte Vögel gesund gepflegt werden.
05.04.2024 • Text: Daniel Fleuti
Die Waldohreule ortet ihre Beute auf bis zu 30 Metern Distanz. Bilder: Pan Eco, Daniel Fleuti

In absoluter Dunkelheit sehen Eulen gleich viel wie Menschen: nichts. Dennoch sind Eulen nachtaktiv und gehen dann auf Jagd. Ihre Beutetiere – Kleinsäuger wie Mäuse, Eichhörnchen, Ratten oder Igel – fangen sie mit höchster Treffsicherheit. Wie das geht? Eulen haben Wirbeltieraugen, so wie wir. Im Vergleich zu uns ist das Eulenauge aber wesentlich grösser: Es nimmt einen Drittel des Eulenkopfs ein. Hätten unsere Augen dieselben Ausmasse, wären sie so gross wie Äpfel. Zudem kann die Eule ihre Pupillen fast über das ganze Auge öffnen, und sie besitzt ein Vielfaches an Rezeptoren für das Hell-Dunkel-Sehen. Anders als bei anderen Vögeln sind bei Eulen die Augen nicht seitwärts am Gesicht angeordnet, sondern vorne, und sie lassen sich nicht bewegen. Das Blickfeld reduziert sich auf 60 Grad, die Eule blickt starr nach vorne. Diese Gabe erlaubt es ihr, auch im Dunkeln sicher zu fliegen.

Einmal fast rundherum

Unterstützung erhalten die Augen von den Ohren. Eulenohren gehören zu den besten im Reich der Tiere. Wobei Ohren stark untertrieben ist. Das ganze Federkleid am Gesicht hört; es bildet den Hörtrichter, über den die Eule Geräusche aufnimmt und zu den Ohren leitet. Diese sind asymmetrisch angeordnet, die Schallwellen treffen etwas früher am linken Ohr auf als am rechten. Dank dieser Differenz kann die Eule die Entfernung ihrer Beute auf bis zu 30 Meter Distanz orten, haargenau. Sie schafft es gar, ihren Jagdflug ständig den Bewegungen der Maus anzupassen. Eulen fliegen deshalb beim Jagen sehr langsam, 20 bis 30 Stundenkilometer.

Geräusche geben sie keine von sich, weder im Flug noch im Sitzen. Ihren Kopf kann die Eule drehen, ohne den Rest ihres Körpers zu bewegen – 270 Grad auf jede Seite, nahezu rundherum. 14 frei bewegliche Halswirbel schenken ihr diese Fähigkeit. Wir Menschen schaffen im besten Fall 90 Grad.

«Die» Eule gibt es nicht. In der Schweiz brüten acht Arten. Die kleinsten heissen Sperlingskauz und Zwergohreule, gefolgt von Steinkauz und Raufusskauz. Nochmals etwas grösser sind Waldkauz, Waldohreule und Schleiereule, den Abschluss macht der Uhu. Bis zu 75 Zentimeter gross wird er, mit einer Flügelspannweite von 1,8 Metern. Der Sperlingskauz kommt gerade mal auf 16 Zentimeter Grösse und 35 Zentimeter Flügelspannweite. Dennoch schafft er es, die merklich grösseren Drosseln zu erlegen.

In Bedrängnis

Einige Eulen leben im Wald oder am Waldrand und freuen sich dort über weitgehend intakte Lebensräume und sichere Bestände. Zu ihnen gehören der Raufusskauz, der Sperlingskauz und der Waldkauz, dessen charakteristisch-heulender Balzruf im Frühling durch die Dunkelheit hallt.

Weniger gut geht es denen, die auf Kulturland und in Siedlungsnähe zu Hause sind. Der Steinkauz nistet in Hochstamm-Obstbäumen und in Hecken – Lebensräume, die durch die Intensivierung der Landwirtschaft immer mehr verschwinden. So gilt der einst in der Schweiz weit verbreitete Steinkauz mittlerweile als stark gefährdet. Die Zwergohreule wiederum ernährt sich von Grossinsekten, die sie auf Magerwiesen und Hochstammbäumen findet. Ihr Bestand ist auf eine Restpopulation von 40 Paaren geschrumpft.

Die Schleiereule mit ihrem herzförmigen Gesichtsschleier kämpft mit einem anderen Problem: Sie wohnt und brütet in Kirchtürmen, verlassenen Gebäuden und in Scheunen, wo sie im Getreide und Heu nach Mäusen jagt. Heute sind aus hygienischen Gründen die Ställe dicht, Heu und Getreide lagern anderswo. Im Winter, wenn die Böden gefroren sind, findet die Schleiereule kaum mehr Mäuse. Sie wird schwach und verhungert – oder landet, falls sie rechtzeitig gefunden wird, bei Andi Lischke in der Greifvogelstation im zürcherischen Berg am Irchel.

Zahlreiche Gefahren

«Wir pflegen jährlich etwa 300 Greifvögel gesund und schenken ihnen ein zweites Leben», sagt der Leiter der Station. «Die meisten sind verletzt oder geschwächt. Dazu kommen Jungvögel, die ihr Nest zu früh verlassen haben.» Und was macht die Eule in der Greifvogelstation? «Wer einen krummen Schnabel und scharfe Krallen hat, ist ein Greifvogel. Zu ihnen gehören Habichtartige, Falken und eben die Eulen», erklärt Lischke.

Greifvögel (12)

Waldkauzküken verlassen noch flugunfähig das Nest und werden von ihren Eltern weiter gefüttert.

Milane und Bussarde werden Verkehrsopfer oder finden zu wenig Futter. Turmfalken und Sperber kollidieren oft mit Glasfronten, weil sie in der Nähe von Siedlungen wohnen und jagen. Uhus schliesslich werden Verkehrsopfer, weil sie tief fliegen, oder sie verbrennen in Stromleitungen, die sie zum Rasten und Ansitzen nutzen. Würden die Anlagen isoliert, wäre die Gefahr gebannt. Eine entsprechende Vorschrift ist 2023 am Widerstand der Strombranche gescheitert.

Spital will mehr wissen

Die gefiederten Patienten kommen meist über die Tierrettung vom Tierheim Pfötli in die Station. Hin und wieder wird ein Vogel direkt abgegeben. «Nach dem Eintritt schauen wir, ob das Tier in freier Wildbahn noch reelle Überlebenschancen hat. Ansonsten wird es von seinem Leid erlöst», sagt Andi Lischke. Diese sinnvolle Vorgabe machen das Veterinäramt und die Jagdverwaltung, unter deren Aufsicht die Greifvogelstation steht.

Gibt man ihm eine Chance, wird der Vogel in der Patientendatenbank erfasst, mit Alter, Art, Geschlecht, Grösse, Gewicht und Gesundheitszustand. Wer eine Operation benötigt, kommt ins Universitäre Tierspital Zürich, Abteilung Wildtiermedizin. «Das Tierspital hat grosses Interesse an unseren Patienten, um mehr Wissen in der Vogelmedizin zu erlangen. Die verletzten Tiere erhalten beste Medizin von sehr engagierten Ärztinnen und Ärzten, die Forschung des Unispitals kommt für die Kosten auf.» Dafür kümmert sich die Station um die anschliessende Pflege der Greifvögel bis zu deren Auswilderung.

Eine ähnlich gewinnbringende Zusammenarbeit besteht mit der Tierrettung. Freiwillige nehmen für die Greifvogelstation die Fundmeldungen entgegen, holen die Tiere ab und bringen sie nach Berg am Irchel. Als Gegenleistung erhalten die Tierretter von Andi Lischke und seinem Team das nötige Wissen vermittelt.

Irchel Wanderung-6
Tipp

Aussichtsturm Irchel

28 Meter über Boden liegt die Aussichtsplattform des Irchelturms, der Blick reicht vom Schwarzwald übers Mittelland bis zu den Alpen. 1983 wurde die 32 Tonnen schwere Stahl- und Beton- Konstruktion erbaut und ersetzte den ersten Turm, der 1930 unter Mithilfe des SAC Winterthur errichtet worden ist.

Flugtraining in der Voliere

Gepflegt werden die Vögel in abgeschirmten Kammern. «Sie haben hier Ruhe, können sich gut erholen und Kraft tanken», erklärt der Experte. Ist ein Tier wieder fit und sind seine Verletzungen geheilt, heisst es umziehen in eine der beiden grossen Freilassungsvolieren. In der ebenfalls abgeschirmten Halle machen die Vögel Flugtraining und bauen Muskulatur auf. Ist auch dies geschafft und zeigt der Vogel keine Schmerzen mehr, steht dem Flug in die Freiheit nichts mehr im Wege. Laut Lischke verlassen sieben bis acht von zehn Vögeln die Station geheilt. Zwei Vögel zeigen bis heute kein Interesse, die Greifvogelstation zu verlassen. Es sind Strixi und Sidra, das Habichtskauzpärchen. Sie leben in einer grossen Voliere am Stationseingang und sind die Lieblinge der Gäste, wenn die Station öffentliche Führungen macht. Auch machen sie an einem europäischen Wiederansiedlungsprojekt für Habichtskäuze im Wienerwald mit. Ein bis vier Jungkäuze steuern die beiden jedes Jahr bei. In den Wienerwald gelangen die Kleinen – einem Sponsor und Piloten sei Dank – im Privatjet.

greifvogelstation.ch


Der passende Wandervorschlag dazu

Im Land der Eulen am zürcherischen Irchel
Buch am Irchel, Oberbuch — Berg am Irchel • ZH

Im Land der Eulen am zürcherischen Irchel

Irchel heisst der unscheinbare Hügelzug, der das Zürcher Weinland vom unteren Tösstal trennt. Er ist dicht bewaldet, von den Flüssen Thur, Töss und Rhein umgeben und von kleinen Dörfern mit schmucken Riegelbauten gesäumt. Was den Irchel besonders macht: Jedes Jahr werden hier über 300 Greifvögel und Eulen in die Freiheit entlassen, in ein zweites Leben. Die Tiere waren zuvor verletzt oder geschwächt in die Greifvogelstation in Berg am Irchel eingeliefert worden, wo sie gesund gepflegt wurden. Rotmilane und Mäusebussarde sind oft unter den Opfern, ebenso Waldkäuze, Sperber und Turmfalken bis hin zum stattlichen Uhu. Auf der Wanderung über den Irchel merkt man von alldem nichts. Oder doch? Wer gut beobachtet, entdeckt auf Baumwipfeln und über Feldern Rotmilane und Mäusebussarde. Mit etwas Glück erspäht man auch einen Turmfalken, der mit seinem Rüttelflug nahezu an Ort bleiben kann, bevor er sich mit atemberaubendem Tempo auf seine Beute stürzt. Der Waldkauz indes ist erst nach Einbruch der Dunkelheit zu hören, wenn sein schauriger Balzruf durch die Wälder hallt. Nach dem Start in Buch am Irchel ist der Irchelturm bald erklommen. 28 Meter über Boden schwebt dessen Aussichtsplattform, der Blick reicht vom Schwarzwald übers Mittelland bis zu den Alpen. Weiter geht es auf mehrheitlich breiten Wegen über den lang gezogenen Irchelrücken der Hochwacht entgegen. Unterwegs laden Picknickplätze mit Sicht über die Thurebene zur Rast ein. Auf der Schartenflue wählt man den kurzweiligen Umweg über die sagenumrankte Brueder-Lienert-Höhle, um zur Hochwacht zu gelangen. Hier steht die kleinste Pfadihütte der Schweiz, deren Feuerstelle zum Bräteln einlädt. Berg am Irchel, das Ziel der Tour, ist nun nicht mehr weit. Die Greifvogelstation beim Bungerthof kann zwar nur an öffentlichen Veranstaltungen be- sichtigt werden, jederzeit über Besuch freuen sich aber Strixi und Sidra. Das Habichtskauzpärchen lebt in einer Voliere am Stationseingang.

Da möchte ich hin

Daniel Fleuti

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