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Wanderreportagen

Auf stiller Pirsch

Die Moorlandschaft der Lombachalp BE mit ihren ausgedehnten Bergwäldern bietet Wildtieren ein wichtiges Rückzugsgebiet. Deshalb stehen die Chancen auf Einblicke in die Tierwelt gut, ob beim Fährten lesen oder dank Birkhuhnbalz. Auf Schneeschuhtour im Naturschutzgebiet Hohgant-Seefeld.
30.10.2025 • Text und Bilder: Iris Kürschner
Erst wenn die Sonne hinter dem Brienzergrat aufgeht, suchen viele Tiere wieder ihre Verstecke.
Schneeschuhrunde über die Lombachalp
Habkern, Lombachalp-Roteschwand — Kemmeriboden • BE

Schneeschuhrunde über die Lombachalp

Der Blick verliert sich in Wogen von Nadelwäldern und Schneebergen. Kaum ein Gebiet, das sich für Schneeschuhtouren besser eignet als die weite Wanne der Lombachalp BE mit ihren sanften Hügelwellen – eine Wildruhezone, weshalb sich hier wunderbar Tiere beobachten lassen, man aber auch unbedingt auf den markierten Routen bleiben muss. Am besten, man steckt sich einen der Faltpläne ein, die am Startpunkt Lägerstutz auf der Lombachalp ausliegen. Darauf ist das Schutzgebiet mit den zwei Schneeschuhrouten genau eingezeichnet. Wer mag, trinkt vor dem Start einen Kaffee im Jägerstübli. Nun folgt man den pinken Signalisationsstangen nordwestlich bergwärts für die längere Route, die auf den Winterröscht führt. Dann geht es ganz gemütlich immer dem Kamm entlang zum Bolberg. Dort hält man sich rechts und stapft unterhalb des Kammes über den Widegg und Spychre nordöstlich abwärts in das Quellgebiet der Emme und steigt über die Alp Ällgäuli zur Hohganthütte auf. Die Route setzt sich nordöstlich im leichten Auf und Ab fort, um dann steil durch Wald abzusteigen. Am Scherpfeberg trifft man auf den im Volksmund sogenannten Römerweg, der links nach Kemmeribodenbad führt. An diesem abgeschiedenen Winkel bildet sich gerne ein Kältesee, im Winter empfangen eisige Temperaturen, und der letzte Abschnitt durch die Schlucht der Emme wirkt mit all den Eiszapfen fast wie eine Tropfsteinhöhle. Aufwärmen darf man sich dann im altehrwürdigen Gasthof Kemmeriboden-Bad, wo es grosse Meringue mit viel Rahm gibt.

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Ein Zackenband säumt den südlichen Horizont, dass es einem die Sprache verschlägt. Alles, was bei den Berner Alpen Rang und Namen hat, steht Spalier: die Spitzen von Schreckhorn und Finsteraarhorn, die mächtigen Wände von Eiger, Mönch und Jungfrau, weiter hinten im Südwesten die Blüemlisalp. Es ist ein kalter Tag mit einer Klarsicht ohnegleichen.

Nach Schlechtwetterperioden tauchen solche Tage gerne auf, die Luft reingewaschen, die Welt wie poliert. Doch eine solch imposante Schau hätten wir von diesem unscheinbaren Kamm bei Habkern aus nicht erwartet. Unter uns liegt die weite Wanne der Lombachalp, im Norden begrenzt vom mächtigen Kalkstock des Hohgant, im Süden vom Augstmatthorn und der nach Osten bis zum Brienzer Rothorn ziehenden Kette. So ein weitläufiges Gelände ohne Verkehrsachse sei äusserst selten, sagt Matthias Schaller. Jeden Tag macht der Ranger mit seiner Bordercollie-Hündin Momo einen Kontrollgang. Respektlose Menschen, welche die Natur nur lärmend geniessen können, sind hier fehl am Platz.

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Bei der Alp Ällgäuli tauchen Wetterhorn und Schreckhorn hinter dem Riedergrat auf.

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Matthias Schaller ist mit seinem Bordercollie auf Patrouille.

Den Menschen leiten

Im Quellgebiet von Lombach und Emme breitet sich eine fragile Hochmoorlandschaft aus, mit 86 Quadratkilometern die zweitgrösste der Schweiz. Eine Traumlandschaft, durch die vielleicht nicht das Gurren von Raufusshühnern, das Röhren von Hirschen und der Schrei eines Adlers hallen würde, gäbe es keinen Naturschutz. Aufgrund ihrer Trittempfindlichkeit und Seltenheit stehen Hochmoore unter einem ganzjährigen Betretungsverbot. Damit wird der Lebensraum für seltene und bedrohte Tierarten gewahrt – vor allem für gefiederte. Die Lombachalp zählt zu den Vogelgebieten von internationaler Bedeutung.

Weil solch ein unverbautes Naturidyll auch im Winter Erholungssuchende anzieht, entwickelte man bereits 2007 ein Lenkungskonzept, stellte Ranger ein und versuchte, mit Aufklärung Tourismus und Naturschutz verträglich aufeinander abzustimmen. Es gibt eine Loipe, einen Winterwanderweg und für Schneeschuhgänger mit pinken Stangen markierte Routen. Gerade für Schneeschuhtouren ist das hügelige Terrain perfekt. Eine besonders schöne Strecke folgt dem Kamm, der die Lombachalp westlich begrenzt und gegen den Hohgant strebt und auf der wir nun unterwegs sind.

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Matthias Schaller, Ranger

Zu Gast im Reich der Tiere

In aller Frühe waren wir von Habkern heraufgekommen, und hatten uns beim Parkplatz am Lägerstutz, südlich des Schutzgebietes, gewundert, warum da ein drahtiger Kerl mit Schneeschuhen erst in die eine Richtung rannte, nur um wenig später zurückzukommen, dann in die andere Richtung rannte und wieder zurückkam. Matthias lacht, als wir ihm von unserer Beobachtung erzählen. Das muss sein Kollege Lukas Schärer gewesen sein, meint er. Nach Neuschnee stapfen er und Lukas gerne schon mal vorsorglich den Start der zwei einzigen erlaubten Schneeschuhrouten vor – zur leichteren Orientierung.

Denn links und rechts dieser Wege bleibt die Schneeprärie das Reich der Tiere. Wie viel da los ist, sieht man gut. Durch den Neuschnee ziehen sich unzählige Spuren: von Schneehasen, Gämsen, Rehen, Füchsen und Hermelinen, gelegentlich sogar vom Wolf. Fährtenlesen macht hier grossen Spass, und in der Gunst der frühen Morgenstunde sieht man dann am ehesten auch die Tiere.

Matthias macht uns auf die Kuhle aufmerksam, die direkt an der Gratkante in den Schnee gewühlt ist. Federn liegen herum. Ein wildes Intermezzo muss da stattgefunden haben. Es sind Scheinkämpfe von Birkhähnen, beschwichtigt Matthias. Die Hähne plustern sich auf, hüpfen flatternd in die Luft, kullernd und fauchend, um möglichst viel Eindruck zu schinden. Nur hie und da bekommen sich welche in die Federn.

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Im Schnee verliert der Birkhahn rasch viel Energie. © Marcel Burkhardt

Die blaue Stunde sei die Zeit der Balztänze. «Sobald die Sonne kommt, es warm wird, verschwinden die Birkhähne», sagt der Ranger. Auch wenn man sich früh auf die Lauer lege, sich leise verhielte – der Mensch sei doch immer eine Störung und bedeute Stress für die Tiere. Da sich Rauhfussvögel kein Fett anfressen können, zeigen sich Störungen im Winter für sie besonders gravierend, weshalb Wildruhezonen so wichtig sind. Während der kalten Jahreszeit fressen sie Nadeln und Steinchen, damit der Magen wenigstens etwas zu tun hat.

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Die Lombachalp im Naturschutzgebiet Hohgant-Seefeld bei Abendstimmung.

Zwischen 20 und 30 Birkhähne zählen die beiden Ranger alljährlich im Gebiet der Lombachalp. Mit dieser offiziellen Bestandsaufnahme können Rückschlüsse auf die Wirkung von Schutzmassnahmen gewonnen werden. Von März bis Mai hallen ihre Rufe durch die Wälder, wenn sie mit ihren Balztänzen um die Gunst der Hennen werben. Verlockend, sich dann auf Pirsch zu begeben. Aber stressen möchte man die Birkhähne damit nicht. Die beste Lösung: Man übernachtet in der Hohganthütte, von wo man Balzkämpfe direkt von der Hütte aus beobachten kann. Und genau das haben wir vor. Vom Kamm queren wir zum Ällgäuli, einer Bilderbuchalp, und steigen unter den Felsfluchten von Hohgant und Furggegütsch gegen den Wald empor.

Fast wie in Kanada

Der Blick verliert sich in Wogen von Nadelwäldern und Schneebergen. Als würde man in Kanada und nicht mitten in den Schweizer Bergen sein. So liegt das Refugium einsam in der Natur. Im Blockhausstil und für Selbstversorger ausgerichtet, versetzt einen die Hohganthütte in Trapperatmosphäre. Wir freuen uns über den Luxus: die bestens ausgestattete Küche, fliessend Wasser, Getränkedepot, Holzofen und urgemütliche Stube. Doch, wie wir später erfahren, gibt es zunehmend Menschen, die in der Hütte an ihre Grenzen stossen – so ohne Handyempfang und fehlender Dusche.

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Hohganthütte, Naturschutzgebiet Hohgant-Seefeld

Herrlich, vor der Hütte zu sitzen, das kupierte Karstgelände mit seinen faszinierenden Licht- und Schattenspielen zu beobachten, in die Stille zu lauschen und vielleicht das Glück zu haben, dass Tiere vorbeikommen. Am nächsten Morgen werden wir tatsächlich von den typischen Kullergeräuschen eines Birkhuhnkampfes geweckt. So schnell waren wir noch nie aus dem Bett. Wir bleiben in respektvollem Abstand bei der Hütte stehen. Zum Glück haben wir ein Fernglas mitgebracht. Was für ein eindrucksvolles Schauspiel.

Respektvolles Miteinander

Schweizweit gibt es nur noch zwischen 12 000 und 16 000 Birkhähne, hat Ranger Matthias erzählt. Und dennoch steht diese gefährdete Art in einigen Kantonen immer noch unter Jagd. Umso beachtenswerter ist da die Bemühung auf der Lombachalp, ein rücksichtsvolles Miteinander zu schaffen, sodass die Winterlandschaft für alle zugänglich bleibt. Auch die ursprünglich von Österreich ausgehende Kampagne «Respektiere deine Grenzen – Schneesport mit Rücksicht» möchte in unserer Gesellschaft ein naturverträgliches Verhalten verankern, um langfristig den Erhalt der Wildtiere und ihrer Lebensräume zu gewährleisten. Schliesslich sind sie die Ureinwohner und wir nur zu Gast. Wie zur Bestätigung kullert es aus der Ferne.

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Tipp

Geborgen in der Talfalte der jungen Emme liegt Kemmeriboden-Bad, schon während der Belle-Époque ein beliebtes Kurhotel. Anstelle der Badewannen-Therapie lockt heute eine kleine Outdoor-Sauna in den Garten des altehrwürdigen Anwesens. Viel Liebe steckt in der Bewirtschaftung. Geführt in sechster Generation steht für die Familie Invernizzi die lokale Wertschöpfung an oberster Stelle. Man serviert Köstlichkeiten, die weitgehend im Emmental hergestellt werden. Das reicht vom Büffelfleisch bis zu den berühmten Merängge, die als die besten der Schweiz gelten.

kemmeriboden.ch

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