Das Rätsel der Glarner Walser
Eine einfache Rundtour im Sernftal
Weissenberge im glarnerischen Sernftal enthält alles, was das Winterherz begehrt: Da gibt es eine Luftseilbahn, die einen in drei Minuten vom kleinen Matt auf über 1200 Meter bringt, und oben gibt es eine pink ausgesteckte Schneeschuhroute, einen präparierten Winterwanderweg, eine rassige Schlittelbahn und schliesslich ein Berggasthaus. Und dass sich Weissenberge die «Sonnenterrasse des Glarnerlands» nennt, ist ein gutes Omen für einen perfekten Winterwandertag. Die Schneeschuhtour 991 von SchweizMobil, der sogenannte Stäfeli Trail, führt in einem grossen Bogen von der Bergstation der Luftseilbahn durch die weitläufige, meist sanft geneigte Landschaft oberhalb von Weissenberge. Das erste Viertel verläuft im offenen Gelände, die folgenden drei Viertel der Rundtour führen abwechslungsweise durch Waldstücke, über Lichtungen oder durch offenes Gelände. Fast auf der ganzen Tour geniesst man tolle Blicke nach Süden zum Vorab und im Westen zur Charenstock-Kette sowie zum Glärnisch. Den höchsten Punkt der Tour erreicht man beim Skiclubhaus Stäfeli auf 1760 Metern. Danach geht es – mal sanft, mal etwas steiler – wieder hinab nach Weissenberge. Im unteren Teil dieses Abstieges stehen am Wegrand einige alte, von der Sonne gebräunte Wohnhäuser und Ställe. Ihre Blockhausbauweise findet sich so oder in einem ähnlichen Stil im ganzen Alpenraum. Kurz vor der Bergstation der Luftseilbahn liegt das Berggasthaus Edelwyss mit schöner Sonnenterrasse. Hier und auch bei der Bergstation lassen sich für eine rassige Schlussfahrt hinunter zur Talstation Schlitten mieten.
Weissenberge ob Matt im Glarner Sernftal. In der Gaststube des Berggasthauses Edelwyss sitzen um einen grossen Holztisch sechs gepflegt gekleidete Männer und Frauen, alle mit Laptop und diversen Papieren vor sich. Es ist 9 Uhr. Anwesend sind:
- Heiri Marti, Gastwirt, Berggasthaus Edelwyss
- Beat Mahler, Landesarchiv des Kantons Glarus
- Carmen Tellenbach, Gemeindearchiv im Landesarchiv des Kantons Glarus
- Benno Furrer, Mitautor von «Kunstdenkmäler des Kantons Glarus, Band Glarus Süd»
- Stephanie Summermatter, Historisches Lexikon der Schweiz
- Riccarda Theiler, Ballenberg Freilichtmuseum der Schweiz
Das Berggasthaus Edelwyss, eingebettet in die märchenhafte Winterlandschaft der Weissenberge. © zVg
Heiri Marti: Guten Morgen meine Damen und Herren und willkommen hier oben auf 1257 Metern auf den Weissenbergen. Und schön (schaut freudig aus dem Fenster) macht der viele Schnee unserem Namen alle Ehre. Also, wir haben uns hier versammelt, um eine nicht ganz einfache, historische Frage zu klären: Sind die Weissenberge eine Siedlung der Walser? Die sind ja vom 12. bis ins 14. Jahrhundert aus dem Oberwallis in andere Gebiete ausgewandert und haben meist die hohen Lagen besiedelt. Als Erstes möchte ich Beat Mahler vom Landesarchiv des Kantons Glarus bitten, uns zu sagen, was er dazu denkt.
Beat Mahler: Guten Morgen auch, liebe Kolleginnen und Kollegen. Auch ich bin froh, haben wir uns alle hier versammelt und können uns mal zu dieser interessanten Frage austauschen. Leider (seine Miene verdüstert sich) ist der grösste Experte zum Thema Walser gar nicht hier – unser alter Freund Fritz Zopfi selig. Er hat ja schon in seinem Artikel «Die Walserinfiltration ins Sernftal seit dem Ende des 13. Jahrhunderts» im Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus von 1982 klar geschrieben, dass es im hinteren Sernftal ein eindeutig walserisches Namenszeugnis gibt, nämlich den Ortsnamen Jetz unterhalb des Panixerpasses. Der Name taucht bereits um 1350 im Säckinger Urbar auf, also dem Einkünfteverzeichnis des Frauenklosters am Rhein. Und es gibt noch weitere verdächtige Ortsnamen …
Carmen Tellenbach: Ich muss da schon noch etwas anfügen. Im Säckinger Urbar steht «Getz» geschrieben, und nicht «Jetz».
Beat Mahler: Danke, Carmen, richtig. Fritz Zopfi schreibt dazu, Moment mal, wo ist das, ach ja, hier: «Den falschen Anlaut (g statt j) darf man der Flüchtigkeit des fremden Schreibers anlasten, die in diesem Rodel wiederholt nachweisbar ist. Alle späteren Belege für diesen Alpnamen lauten Jätz oder Jetz.»
Heiri Marti: Danke, Beat und Carmen. Beat, du wolltest noch etwas zu anderen Ortsnamen sagen.
Beat Mahler: Genau. Fritz Zopfi schreibt noch von zwei anderen (hebt den Zeigefinger) eindeutig walserischen Sprachspuren. Nämlich Furgge für unseren heutigen Richetlipass, und Ritzli am westlichen Talhang in Hintersteinibach.
Bei Engisböden. Hinter dem Haus das Charenstock-Gandstock-Gebiet, ganz links das hinterste Sernftal um Elm.
Carmen Tellenbach: Es gibt übrigens noch andere Namensspuren der Walser im Sernftal. Der Bauernhausforscher Jost Hösli hat in seinem Werk «Glarner Land- und Alpwirtschaft in Vergangenheit und Gegenwart» 1948 geschrieben: «Ins 15. und 16. Jahrhundert fällt die Besiedlung mancher Berge im Sernftal durch zugewanderte Geschlechter, worunter viele Walser, so die Stauffacher, Giger (Gigerhofberg ob Engi), Bräm, Disch und Juon.»
Heiri Marti: (tippt etwas in seinen Laptop und runzelt die Stirn) Das klingt ja schön und gut, aber jetzt habe ich grad den Eintrag zu den Walsern im Historischen Lexikon der Schweiz geöffnet und hier gibt es eine schöne Karte der Walserwanderungen aus dem Goms in fast alle Richtungen, und da gibt es beim besten Willen keinen Pfeil ins Glarnerland. Was bedeutet das jetzt?
Carmen Tellenbach: Das liegt wahrscheinlich daran, dass es nur sprachliche Spuren der Walser im Glarnerland gibt und eine Wanderung ins Sernftal ansonsten nicht belegt werden kann.
Heiri Marti: (etwas aufgebracht) Also jetzt bin ich etwas verwirrt. Jetzt haben wir doch all diese Ortsnamen, und das soll nun doch kein Beweis sein? Benno, was meinst denn du dazu?
Benno Furrer: Es ist halt schon so: In der Geschichtsforschung gilt etwas nur als bewiesen, wenn es davon schriftliche Spuren in einem Archiv gibt. Nun siedelten die Walser aber meistens ausserhalb der Dörfer und schafften es so nicht ins Gemeindearchiv. Und: Man muss auch unterscheiden zwischen einzelnen Personen oder Familien, die irgendwohin zogen, und eigentlichen Walserwanderungen, also mit richtig vielen Personen und über mehrere Generationen.
Es ist inzwischen zehn Uhr und die Sonne ist soeben über dem Fanenstock aufgegangen. Stephanie Summermatter räuspert sich.
Die Sonne geht auf über den Weissenbergen. Ob in dieser Siedlung einst auch schon Walser lebten?
Stephanie Summermatter: Nochmals etwas zur Karte in unserem Lexikon. Beat, du hast ja gesehen, dass es dort keinen Pfeil ins Glarnerland gibt. Die Karte stützt sich auf die Darstellung des Historikers Arthur Fibicher in Band 2 der «Walliser Geschichte» aus dem Jahre 1987. Sie gibt damit den Sachverhalt wieder, der halt damals Arthur Fibicher bekannt war. Rein aufgrund der Karte würde ich deshalb noch nicht ausschliessen, dass es nicht auch eine Walserwanderung nach Glarus gab.
Heiri Marti: Okay, interessant, danke Stephanie. Ich sehe, man muss da also gut unterscheiden zwischen (zeichnet Gänsefüsschen in die Luft) Vermutung und Beweis. Jetzt haben wir da aber noch ein letztes Indiz. Nämlich unsere schönen alten Holzhäuser hier auf den Weissenbergen, und genau solche habe ich auch schon im Goms gesehen. Ist das nun auch kein Beweis, oder wie siehts damit aus?
Benno Furrer: Also für das Buch über die Glarner Kunstdenkmäler, an dem ich zurzeit mit Andreas Bräm arbeite, war ich ja schon mal hier auf den Weissenbergen und habe die Häuser dokumentiert. Es hat sich herausgestellt, dass keines der Häuser mit bekanntem Baudatum vor 1700 entstanden ist. Die Walserwanderungen fanden aber deutlich früher statt, hauptsächlich zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert.
Heiri Marti: Riccarda, du bist Spezialistin vom Ballenberg für Bauernhäuser. Was meinst du dazu? Sind unsere schönen alten Häuser walserisch oder nicht?
Ein für den ganzen Alpenraum typisches Bauernhaus im Blockbaus. Leider nicht typisch für die Walser.
Riccarda Theiler: Also, ich habe mir eine Serie von Fotos angeschaut, die ich per Post erhalten habe. Die Bauten darauf sind sicherlich deutlich nach dem 15. Jahrhundert entstanden und lassen somit meines Erachtens keine Rückschlüsse auf eine Walserbesiedlung zu. Vielmehr sind die Gebäude Zeugnis für die in den alpinen Gebieten typische Vieh- und Milchwirtschaft. Die gewählten Baumaterialien und auch die Bauweise, also Blockbau, finden sich so oder ähnlich in weiten Teilen des alpinen Raums – einfach aufgrund der Verfügbarkeit der Ressourcen.
Benno Furrer: Das sehe ich genauso. Das sind einfach alpine Blockbauten, wie man sie im ganzen Alpenraum findet.
Heiri Marti: Gut, dann ist es so. Meine Damen und Herren, genug diskutiert. Trinkt euren Kaffee aus, und dann gehen wir alle wie geplant auf eine schöne Schneeschuhtour und freuen uns einfach an unseren winterlichen Weissenbergen, ob walserisch oder nicht.
Anmerkung: Alle erwähnten Personen existieren, und ihre Äusserungen entsprechen sinngemäss dem, was sie dem Autor telefonisch oder schriftlich erzählt haben. Das Treffen der sechs Personen im Edelwyss ist allerdings erfunden.
Unterwegs beim Ochsenbüel, links der Mitte der Glärnisch.