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Wanderreportagen ABO

Auf dem Thron des Wasserschlosses

Der Gradicciòli ist der leicht erreichbare höchste Gipfel des Malcantone. An seinen Abhängen sammelt sich das Trinkwasser für den Grossraum Lugano – im Sommer jedoch immer spärlicher.
10.04.2026 • Text: Jürg Steiner, Bilder: Iris Kürschner
Vom Monte Gradiccioli aus sind die unterirdischen Wasserläufe nicht sichtbar. Dafür das Vedeggio- und Cassaratetal sowie Lugano.
Kastanienselven und ein Grat im Malcantone
Arosio, Paese — Astano, Paese • TI

Kastanienselven und ein Grat im Malcantone

Arosio ist sozusagen der Kastanienhauptort des Tessins. Im kleinen Dorf in Balkonlage begann Mitte der 1990er-Jahre die Wiederbelebung der traditionellen Tessiner Kultur – heute werden die Selven wieder gepflegt und bewirtschaftet. Während Jahrhunderten war das sogenannte Brot der Armen die Lebensgrundlage vieler Bauernfamilien – die Früchte zum Essen, das Holz zum Bauen, die Blätter als Streu fürs Vieh. Mit der Industrialisierung und Abwanderung wurden die sorgsam gepflegten Selven aufgegeben. In Arosio startet der Aufstieg zur zweitägigen Gratwanderung. Der Weg, am Anfang asphaltiert, steigt vorerst sanft und schattig an bis La Bassa. Dort weicht der Wald eher buschartiger Vegetation, was den steiler werdenden Aufstieg zum Gradicciòli zur aussichtsreichen und je nachdem auch schweisstreibenden Angelegenheit macht. Von dem mit einem imposanten Kreuz markierten Gipfel des Gradicciòli ist die Rundsicht überwältigend: Man sieht über die Stadt Lugano hinweg Richtung Mendrisiotto und Grossraum Mailand genauso wie bis zu den Walliser Hochalpen. Vom Gradicciòli biegt man ein auf den Weg der bekannten Wanderung zwischen Monte Tamaro und Monte Lema. Der Gratweg ist breit und einfach begehbar, stets hat man die beiden grossen Tessiner Seen vor Augen, den Lago Maggiore auf der einen, den Lago di Lugano auf der anderen Seite. Auf dem Monte Lema gibt es eine einfache Übernachtungsgelegenheit. Aber auch die Option, für die Nacht mit der Seilbahn hinunter nach Miglieglia zu fahren. Am zweiten Wandertag gibt es einen gepflegten, meditativen Abstieg praktisch auf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Auf einem angenehmen ehemaligen Maultierpfad verlässt man den sonnigen Grat, taucht zuerst in Birken- und später in Buchenwälder ein, ehe das Grenzdorf Astano erreicht wird.

zum Wandervorschlag

Wie ein nackter König überragt der Gradicciòli den Grossraum Lugano. Der Gipfel befindet sich auf dem legendären hügeligen Grat zwischen Monte Tamaro und Monte Lema nahe der Grenze zu Italien. Der Gradicciòli gehört, im Unterschied zum Monte Tamaro, zum Malcantone. Nackt wirkt er deshalb, weil er sich wie der ganze Grat über der Baumgrenze befindet. Von der Bank beim Gipfelkreuz ist der Ausblick über das Vedeggio- und Cassarate-Tal hinunter in den 20 Kilometer entfernten, ausufernden Grossraum Lugano und weiter Richtung Norditalien bei schönem Wetter klar und unverstellt.

Es ist auch ein Blick auf die Geschichte der grössten Tessiner Stadt. Die Entwicklung von Lugano ist eng mit dem Gradicciòli verknüpft – wegen der Qualität des Wassers, das bei In Cüsèll (Alpe Cusello) an seiner Flanke entspringt, oberhalb des Dorfes Sigirino auf einer Höhe von 1300 Metern.

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