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Wanderreportagen

Klein, wendig und blitzschnell

Hochkonzentriert hat die Mauereidechse ihr Opfer im Fokus – um blitzschnell aus ihrem Felsspalt zu schiessen und es sich zu schnappen. Doch ihr Lebensraume ist bedroht. Im Aargauer Schenkenbergtal kann man sie noch gut beobachten.
10.04.2026 • Text und Bilder: Heinz Staffelbach
Eine Mauereidechse auf ihrem liebsten Untergrund: warmem Stein.
Auf Reptilien-Tour im Schenkenbergertal
Schinznach Dorf, Oberdorf — Thalheim AG, Dorfplatz • AG

Auf Reptilien-Tour im Schenkenbergertal

Das Aargauer Schenkenbergertal liegt recht unscheinbar hinter der ersten Jurakette zwischen Aarau und Brugg. Trotz seiner Nähe zum Mittelland fühlt man sich hier bereits weit weg von Autobahnen, Logistikzentren und der geschäftigen Welt. Felder, Wiesen und Rebberge breiten sich in den niedereren Lagen aus, während die steileren Hügelzüge bewaldet sind, sodass sich so eine abwechslungsreiche Rundwanderung ergibt. Von Schinznach Dorf geht es auf dem 2022 eröffneten Historischen Rundweg den Berg hinauf, zwischen dem Wald und ausgedehnten Rebbergen. Dieser Teil der Wanderung ist gleich auch der erfolgversprechendste Abschnitt, um Eidechsen zu entdecken. Mauereidechsen sonnen sich bei günstigem Wetter gerne auf den Steinen der langen, streckenweise neu errichteten Trockenmauern, während Zauneidechsen sich eher in der Vegetation aufhalten. Besonders die Zauneidechse ist darauf angewiesen, dass der Mensch ihr solche Lebensräume schafft, da viele Populationen durch die intensive Landwirtschaft auf kleinste Bestände geschrumpft sind. Auf den freien Höhen bei der Buechmatt ergeben sich die ersten schönen Weitblicke über das ganze Schenkenbergertal. Anschliessend geht es für ein paar Kilometer südwestlich durch den Wald. Etwas vor der Staffelegg, dem Passübergang zwischen Aarau und Frick, kehrt die Wanderung wieder nach Osten. Meistens wandert man nun auf angenehmen Schotterstrassen durch Felder und an Waldrändern entlang in Richtung Thalheim AG. Auf einem bewaldeten Hügel in der Mitte des Tales thront die Burgruine Schenkenberg mit ihren eindrücklichen Mauern und Türmen. Sie wurde im 13. Jahrhundert von den Habsburgern errichtet und verfiel im 18. Jahrhundert. Heute ist sie gesichert und konserviert und s0gar ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. Für die Heimreise nimmt man den Bus beim grossen Brunnen auf dem Dorfplatz von Thalheim AG.

zum Wandervorschlag

Ahnungslos sitzt das Tier am Waldrand und scheint die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Tages zu geniessen. Es hat nicht bemerkt, wie ein mächtiger Räuber es bereits ins Visier genommen hat. Es ist still hier, unweit der Aare, doch eine Spannung liegt in der Luft. Dann geschieht es: Zwei starke Kiefer schnappen zu und halten das Opfer wie in einer Schraubzwinge gefangen. Es gibt kein Entkommen für die Heuschrecke. Die wachsame Mauereidechse hat sich eine fette Mahlzeit geholt. Die wird sie für eine schöne Weile satt halten.

Der Mauereidechse gefällt es hier am südexponierten Waldrand oberhalb von Schinznach Dorf AG. An der sonnigen Lage kann sie sich gut auf einem Stein aufwärmen und so auf Betriebstemperatur kommen, um die Beute vom Vortag zu verdauen oder blitzschnell ein neues Opfer zu schnappen. Zudem gibt es hier lange Steinmauern mit unzähligen Spalten und Ritzen. Die sind wunderbar kühl, sollte es zu heiss werden, und sie bieten bei Gefahr einen sicheren Rückzugsort.

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Die seitlich am Kopf sitzenden Augen der Mauereidechse helfen ihr beim Erspähen der Beute.

Kleine Dinos – oder doch nicht?

Mit ihrem Körperbau und ihrem Schuppenkleid werden Eidechsen gerne als kleine Dinosaurier angesehen. Doch so faszinierend dieser Vergleich ist, so falsch ist er. Denn Eidechsen sind in keiner Weise die Nachfahren der Dinosaurier. Am Ende des Erdmittelalters, vor etwa 65 Millionen Jahren, starben die meisten Saurierarten aus. Wahrscheinlich waren ein verheerender Meteoriteneinschlag oder vermehrte Vulkanausbrüche der Grund dafür. Nur einige flugfähige Saurierarten überlebten. Aus ihnen entwickelten sich die Vögel, nicht aber die Eidechsen. Eidechsen und Dinosaurier sind nur insofern miteinander verwandt, als dass sie einen gemeinsamen Vorfahren haben, der viel früher lebte, vor etwa 270 bis 300 Millionen Jahren. Man stellt sich dieses Tier heute als echsenartig und etwa 40 Zentimeter gross vor, mit eher langen Beinen. Kurz: Die heutigen Spatzen sind enger mit den Sauriern verwandt als die Mauereidechsen.

Ultrastarker Sehsinn

Heute ist ein guter Tag, um Eidechsen zu beobachten. Es ist nicht zu warm, sodass die Tiere länger an der Sonne verweilen müssen, um sich aufzuwärmen. Wäre es heisser, kämen die Tiere kaum noch aus ihren kühleren Spalten oder würden sich schnell wieder in sie zurückziehen.

Doch auch heute lohnt es sich, ganz langsam und vorsichtig auf dem Wanderweg unterwegs zu sein. Eidechsen haben, im Unterschied zu Schlangen, ein Gehör – auch wenn es mit nur einem statt drei Gehörknöchelchen deutlich einfacher aufgebaut ist als bei uns Menschen. Vor allem aber besitzen sie einen exzellenten Sehsinn. Mit ihren seitlich sitzenden Augen haben sie nicht nur beinahe eine Rundumsicht, sie registrieren auch sehr schnell Bewegungen. Das hilft ihnen dabei, flink flüchtende Beutetiere verfolgen zu können. Zudem können sie sehr gut fokussieren und sogar UV-Licht sehen. Dadurch nehmen sie Beutetiere besser wahr, da deren Panzer das UV-Licht reflektiert und den Mauereidechsen quasi anzeigt, wo sie sind.

Zwei Echsen zum Verwechseln

Das gemächliche Gehen und die Geduld zahlen sich aus. Etwas abseits des Weges sitzt ein Zauneidechsen-Pärchen an einem sonnigen Plätzchen im Gras. Das ist typisch für diese Eidechsenart. Während Mauereidechsen, ihrem Namen entsprechend, gerne auf Mauern anzutreffen sind, findet man Zauneidechsen eher in der Vegetation versteckt. Das Männchen ist jetzt im Frühling an den Flanken und an der Kehle auffällig grün gefärbt. Es ist Fortpflanzungszeit, und es will damit Punkte beim Weibchen sammeln. Dieses präsentiert sich deutlich bescheidener: Es ist braun, allenfalls mit einer grünlich-gelben Kehle.

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Die Zauneidechse hält sich gerne in der Vegetation auf – und ist dort optimal getarnt.

Für Anfänger ist es nicht einfach, Mauereidechsen und Zauneidechsen zu unterscheiden. Es gibt zwei gute Tipps: Zuerst einmal muss man auf die Länge des Schwanzes achten. Der ist bei der Mauereidechse etwa doppelt so lange wie ihr Körper, bei der Zauneidechse ist er kaum länger als der Körper. Ein zweites Unterscheidungsmerkmal sind die sogenannten Augenflecken. Zauneidechsen haben auf dem Rücken und auch auf der Seite so etwas wie Augen, also dunkle Flecken mit einem hellen Punkt in der Mitte. Mauereidechsen haben das nicht.

Hilfe für die Zauneidechse

Das Schenkenbergtal um Schinznach und Thalheim wird zwar stark für die Landwirtschaft genutzt, es gibt aber auch immer wieder Lebensräume für Eidechsen: Weinberge mit spaltenreichen Steinmauern, Steinhaufen und wilde Vegetation an Waldrändern oder lichtverwöhnte, steinige Hänge im Wald.

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Rebberge säumen das Schenkenbergtal, und besonders die Trockenmauern bieten den kleinen Echsen passende Lebensräume.

Besonders die Zauneidechse braucht unseren Schutz, um langfristig überleben zu können. Vielenorts sind ihre Lebensräume bereits verloren gegangen. Sie liebt trockene Standorte und öde Flächen. Diese sind durch die intensive Landwirtschaft aber oft verschwunden. Die Tiere sind im Mittelland daher oft auf kleine oder kleinste Restflächen zurückgedrängt worden – auf schmale Streifen und Flecken an Bahndämmen, Böschungen, Strassen und Hecken. In diesen kleinen Lebensräumen leben oft nur noch wenige Tiere, und auch kleine Verluste können das Verschwinden der Gruppe bedeuten. Wer im eigenen Garten etwas für die Eidechsen tun will, findet auf www.zauneidechse.ch viel Wissenswertes und praktische Tipps.

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Waldränder und Trockenmauern bieten auch Schmetterlingen wie dem Kaisermantel einen Lebensraum.

Nach der Umrundung des Schenkenbergtals ist es später Nachmittag geworden. Mit dem Postauto geht es zurück von Thalheim in Richtung Brugg, am Schenkenberg mit seiner Burgruine und am Schloss Kasteln vorbei. Ausgedehnte Weinberge prägen die Südhänge. Bestimmt nehmen hier nochmals einige der kleinen Schuppentiere ein Sonnenbad vor der kühlen Nacht.

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    Heinz Staffelbach

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    Mittelland Magazin DAS WANDERN

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